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Alles Krimi, oder was? PDF Drucken E-Mail
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Bild: www.sxc.hu
Lesetipps, vorgestellt von Dietmar Jacobsen

Gehören Sie auch zu den Menschen, die vor dem Ins-Bett-Gehen vorsichtshalber noch einmal unter ihre Schlafgelegenheit linsen? Einen letzten ängstlichen Blick aus sicherer Deckung in den dunklen Vorgarten riskieren? Und etwas Schweres an die Türklinke hängen, um rechtzeitig aufzuwachen, falls ER das Zimmer betritt? Ja? Dann sollten Sie sich unbedingt abhärten. Womit? Mit Krimis natürlich. Und welchen? Versuchen Sie’s doch mal mit …

Rosa Ribas. Deren Frankfurter Hauptkommissarin, Cornelia Weber-Tejedor, bekommt es in „Kalter Main“ (Suhrkamp) mit Dingen zu tun, die tief in die Vergangenheit aller Beteiligten zurückreichen. Prädestiniert für die Lösung des Mordes an einem spanischen Restaurantbesitzer in der Mainmetropole scheint sie aufgrund ihrer Herkunft zu sein: Ihre Mutter gehört zu den iberischen Gastarbeitern der ersten Stunde und ist fest in die spanische Gemeinde der Stadt integriert. Das freilich macht, wie nur allzu schnell klar wird, der Tochter die Ermittlungsarbeiten nicht einfacher. Um den Täter am Ende zu überführen, muss sie sich nicht nur mit Neid und Missgunst in den eigenen Reihen auseinandersetzen, sondern auch das Schweigen jener brechen, die, gerade weil sie in die Fremde verschlagen wurden, umso fester zusammenhalten. Ribas’ Roman bleibt sehr dicht an seiner Hauptfigur, kommt freilich politisch gelegentlich ein bisschen zu korrekt daher, was der Spannung nicht immer zuträglich ist. Raus aus der Gegenwart und knappe 70 Jahre in der Zeit zurück geht der erste Roman des polnischen Autors

Paweł Jaszczuk. „Der Teufel von Lemberg“ (dtv) erzählt von der Suche des jüdischen Sensationsreporters Jakob Stern nach einem Serienmörder mit ziemlich fie- sen Gewohnheiten. Das Buch spielt im Südostpolen des Jahres 1936, bezieht seine Spannung aus einem Panoptikum kurios-meschuggener Figuren, die alle tatverdächtig scheinen, und fängt ganz nebenbei die Atmosphäre jener Zeit und eines Landes ein, das drei Jahre später erstes Opfer der nationalsozialistischen Expansionspolitik werden sollte. Ganz eindeutig orientiert sich Jaszczuk an den Erfolgsromanen seines Landsmanns Marek Krajewski. Er weiß Lokalkolorit und geschichtliche Fakten wohldosiert einzusetzen und spinnt seine Hauptfigur in ein immer enger werdendes Netz aus Geheimbündelei und Wahnvorstellungen, Aberglauben und dumpfen Gewaltexplosionen ein, in dem die Grenze zwischen Realität und Traum zunehmend verschwimmt. Zur Expertin für dubios-geheimnisvolle Schauplätze entwickelt sich auch langsam

Cornelia Read. Deren zweiter Roman, „Es wartet der Tod“ (dtv), spielt in einem merkwürdigen Internat für schwer erziehbare Jugendliche. Hierher hat es Madeline Dare, Reads Serienheldin mit dem untrüglichen Gespür für Jobs, die Ärger machen, verschlagen. Und natürlich begegnen ihr auch als Lehrerin an der Santangelo Academy, wie sich der Laden nach seinem Gründer nennt, die seltsamsten Dinge. Der Boss ein Freak, die Lehrer Denunzianten und Duckmäuser, die Eleven gewalttätig, lernunwillig und einem seelenzerfressenden, psychologisch perfide ausgeklügelten Strafsystem unterworfen. Da wundert man sich nicht, dass schon bald nach Madelines Eintritt in das Institut zwei brutale Morde geschehen und sie selbst am Ende nur knapp mit dem Leben davonkommt. Bis dahin freilich ist der Roman äußerst kurzweilig, hält die Spannung auf einem anständigen Level und präsentiert ein paar verrückt-schöne Figuren samt einer Ich-Erzählerin, die dem Leser schnell ans Herz wächst. Mein Favorit unter den Spannungsbüchern der letzten Monate stammt von

Tana French. Knapp 800 Seiten dick ist „Totengleich“ (Scherz) – und während der Lektüre hätte ich Essen, Schlafen und was der Dinge noch sind, die zum Leben nun einmal dazugehören, fast eingestellt. Dabei wird im Grunde nicht mehr beschrieben als das Zusammenleben von fünf Studenten in einem Landhaus nahe Dublin. Doch das hat es in sich, denn eine von den Fünfen ist Undercover-Ermittlerin und hat sich anstelle einer gewaltsam zu Tode gekommenen jungen Frau, der sie aufs Haar gleicht, in die WG einschmuggeln lassen. Natürlich will sie herausfinden, ob die vier übrigen Gestalten, drei Männer und eine Frau, die geradezu symbiotisch aneinanderzuhängen scheinen, Mitverantwortung tragen am Tod ihrer Kommilitonin. Bis sie den komplizierten Fall aber entwirrt, wird der Leser von einer Überraschung zur nächsten getrieben. „Totengleich“ setzt weniger auf Action denn auf Atmosphäre. Vom romantischen Doppelgängermotiv ausgehend, nimmt es sich viel Zeit, um die Spannungen zwischen den fünf Hausbewohnern einerseits sowie den snobistischen Studenten und der etwas schlichteren Landbevölkerung der Gegend andererseits aufzubauen. Am Ende hält man fast alles für möglich und hat einen tiefen Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche geworfen.

Ja, das war’s dann schon wieder. Jetzt aber nichts wie ran ans gute Buch und bis zum nächsten Mal: Mord und Totschlag!

Ihr Dietmar Jacobsen

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