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Alles Krimi, oder was? PDF Drucken E-Mail
Lesetipps, vorgestellt von Dietmar Jacobsen

Gehören Sie auch zu den Menschen, die vor dem Ins-Bett-Gehen vorsichtshalber noch einmal unter ihre Schlafgelegenheit linsen? Einen letzten ängstlichen Blick aus sicherer Deckung in den dunklen Vorgarten riskieren? Und etwas Schweres an die Türklinke hängen, um rechtzeitig aufzuwachen, falls ER das Zimmer betritt? Ja? Dann sollten Sie sich unbedingt abhärten. Womit? Mit Krimis natürlich. Und welchen? Versuchen Sie’s doch mal mit …

Alfred Komarek. In „Polt“ (Haymon), dem aktuellen Roman des österreichischen Autors um seinen mittlerweile aus dem Polizeidienst ausgeschiedenen Helden gleichen Namens, geht es um Vergangenheit und Gegenwart sowie Liebe, Freundschaft und Verrat. Obwohl nach seiner Ordnungshüterkarriere in ganz anderen Lebensbereichen heimisch, muss Simon Polt noch einmal ran, als im Weingarten seines Nachfolgers Norbert Sailer eine männliche Leiche gefunden wird. Mord oder Selbstmord, heißt die Frage. Und wie kann es sein, dass den ausgerechnet hier zu Tode gekommenen Mann niemand aus dem kleinen Dorf zu kennen scheint? Ganz und gar unspektakulär geht es zu in der traditionsgeprägten kleinen Welt des Weinviertler Wiesbachtals, die Komarek auf poetisch-stille Weise vor den Augens seines Lesers entstehen lässt. Doch genauso wie sich hinter der ländlichen Idylle ein zunehmend härter werdender Kampf der einzelnen Gemeinden um zahlungskräftige Touristen verbirgt – vom Autor mit bissigem Humor geschildert –, hat alles in diesem Roman seine dunkle Seite. Wunderbare Sätze, wie Perlen über den Text verstreut, abgründige Charaktere und beeindruckende Frauenporträts machen dieses Buch zu etwas Besonderem auf dem aktuellen Krimimarkt. Ein wenig handfester dagegen geht es zu bei

Rex Miller. „Im Blutrausch“ (Edition Phantasia) ist der zweite legendäre Thriller des im Jahre 2004 verstorbenen US-amerikanischen Kultautors, den der Bellheimer Verlag in vollständiger Neuübersetzung vorlegt. Wieder spielt Profiler Jack Eichord, der schon der Bestie Daniel „Chaingang“ Bunkowski im Vorgänger „Fettsack“ das blutige Handwerk legte, eine Rolle. Allerdings bekommt es der melancholische Cop, der nichts so recht auf die Reihe bringt im eigenen Leben, diesmal mit einem Gegner zu tun, der ungleich schwerer auszurechnen ist. Frank Spain tötet nämlich nicht aus Lust, sondern aus Rache. Und er – der gewissenlose Mafiakiller – nimmt sich dabei auch nicht irgendwen vor, sondern es sind die eigenen Spießgesellen, denen er nach und nach den Garaus macht. Grund für die blutige Ernte, der sich die Polizei gegenübersieht, ohne den Schnitter zu kennen, ist der Tod der 14-jährigen Tiff, Spains Tochter. Von einem falschen Schulfreund auf den Weg in Prostitution und Kriminalität gelockt, endet sie als Opfer in einem so genannten Snuff-Porno. „Blutrausch“ ist nichts für Zartbesaitete, schwankt sprachlich zwischen Genialität und Rechtschreibschwäche und präsentiert in seinem Zentrum einen Massenmörder, den man nur zu gut verstehen kann. Und wem das immer noch nicht blutig genug ist, der greife zu meinem letzten Tipp. Sein Autor ist der Filmfreaks nicht ganz unbekannte

Guillermo del Toro („Hellboy“, „Pans Labyrinth“). „Die Saat“ (Heyne) hat der mexikanische Regisseur zusammen mit dem amerikanischen Bestsellerautor Chuck Hogan geschrieben. Herausgekommen ist dabei ein furioser Vampir-Thriller mit grandiosen Szenen, Figuren und Konstellationen, die die enorme Fantasie beider Autoren unter Beweis stellen und geradezu nach der Leinwand schreien. In einem ganz normalen Passagierflugzeug lassen Hogan und del Toro eines Nachts das Böse in New York einschweben. Nach der Landung der Maschine aus Europa erlöschen alle Lichter und die herbeigerufenen Experten der Seuchenschutzbehörde müssen feststellen, dass nur noch eine Handvoll Passagiere Lebenszeichen von sich gibt. Die anderen scheinen tot, blitzschnell dahin- gerafft von einem unbekannten Virus. Dass eine uralte Bedrohung den Weg über den Großen Teich in die Neue Welt angetreten hat, will von den Verantwortlichen für’s Erste keiner wahrhaben. Letztendlich aber finden sich viele gemeinsam mit dem Seuchenexperten Ephraim Goodweather und dem Antiquitätenhändler Abraham Setrakian – Letzterer in Wahrheit seit fast einem Jahrhundert dem Bösen auf der Spur und gewillt, es endgültig zu vernichten – in einem mörderischen Kampf gegen jene, die vor Kurzem noch ihre Freunde und Verwandten waren, ehe man sie zu Bestien umfunktionierte. „Die Saat“ modernisiert den Vampirmythos konsequent, findet großartige Bilder für sämtliche realen Bedrohungen unserer Gegenwart und lässt den Leser nahezu atemlos zurück. Zwei Folgebände sind bereits in Planung.

Damit genug der Anregungen für heute. Jetzt schnell in eine Decke wickeln, in die kuschelige Couchecke versinken und lesen! Und wie immer bis zum nächsten Mal – Mord und Totschlag!

Ihr Dietmar Jacobsen

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