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Lesetipps, vorgestellt von Dietmar Jacobsen
Gehören Sie auch zu den Menschen, die vor dem Ins-Bett-Gehen vorsichtshalber noch einmal unter ihre Schlafgelegenheit linsen? Einen letzten ängstlichen Blick aus sicherer Deckung in den dunklen Vorgarten riskieren? Und etwas Schweres an die Türklinke hängen, um rechtzeitig aufzuwachen, falls ER das Zimmer betritt? Ja? Dann sollten Sie sich unbedingt abhärten. Womit? Mit Krimis natürlich. Und welchen? Versuchen Sie’s doch mal mit …
Charlaine Harris. Die Geschäfts-
idee, die die Heldin von derem Roman „Ein eiskaltes Grab“ (dtv) nun schon zum dritten Mal ausbeutet, ist so verrückt wie genial. Nach einem Blitzschlag mit der Gabe gesegnet, Leichen orten zu können, reist die sympathische Harper Connelly kreuz und quer durch die USA, um Polizei und Privatpersonen bei der Klärung mysteriöser Todesfälle zu unterstützen. Ihr aktuelles Einsatzgebiet ist das novemberkalte North Carolina. Doraville heißt das idyllische Städtchen, in dem seit Jahren männliche Teenager verschwinden. Ein halbes Dutzend davon ist mittlerweile abgängig und langsam müssen die Ordnungshüter mehr tun, als das nervös werdende Volk nur zu beschwichtigen. Während Harper, unterstützt von Tolliver, mit dem gemeinsam sie geschwisterlich in einer Patchworkfamilie aufgewachsen ist, die Polizei schnell an die Gräber der grausam Gemetzelten führt, nimmt der spannende Mysterythriller der amerikanischen Bestsellerautorin immer mehr Fahrt auf. Interessante Charaktere, ein packender Handlungsverlauf und sogar ein bisschen Romantik und Sex – wer sich an der fantastischen Grundannahme des Buches nicht stört, bekommt erstklassigen Thrill geliefert. Ein bisschen näher an der Realität bleibt Finnlands Bestsellerautor
Ilkka Remes. Jahr für Jahr ein mehrhundertseitiger Actionthriller – darunter macht es der nordische Auflagenkönig nicht. Und wenn das manchmal auch ein wenig auf Kosten der literarischen Qualität geht – sei’s drum, Hauptsache der Spannungspegel wird hochgehalten. Warum – in Remes‘ neuem Roman „Tödlicher Sog“ (dtv premium, 2010) – der kommende Formel-1-Star Roni Airas seine Freundin, nachdem er sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hat, mitten im kalten Wald nahe Helsinki einfach liegenlässt – fragen Sie erst gar nicht danach! Kurz darauf ist sie jedenfalls tot, ihr Freund steht unter Verdacht und es beginnt eine rasante Jagd, in die Roni und sein Vater Tero, verschiedene Familienmitglieder des getöteten Mädchens und vor allem sämtliche Geheimdienste Nord-europas und Russlands verwickelt sind. Da wird gerannt und geschossen, geklettert und getaucht, verfolgt und zerschrottet, was das Zeug hält. Und irgendwie spielen auch die vielen Geschichten und Verschwörungstheorien, die sich seit dem Herbst 1994 um den Untergang der Fähre „Estonia“ ranken, eine Rolle. Zu viel des Guten? Vielleicht, aber ich habe gelesen und gelesen und gelesen, weil es mich irgendwann nicht mehr interessierte, ob das alles auch logisch und gut motiviert oder wenigstens einigermaßen nachvollziehbar war – hoch spannend war es auf jeden Fall. Gemächlicher dreht sich dagegen seit jeher die Romanwelt des Schweden
Åke Edwardson, „Toter Mann“ (Ullstein 2010) ist der neunte Band aus der Serie um dessen Göteborger Kommissar Erik Winter und sein Team. Diesmal geht es um eine Bedrohung, deren Ursache weit in der Vergangenheit liegt. In der Gegenwart sorgt sie zunächst für eine Reihe geheimnisvoller Vorfälle, deren Hintergründe sich den Kriminalisten nicht recht erschließen wollen. Da wird ein Schriftsteller von seinem Nachbarn terrorisiert. In einem verlassen aufgefundenen Auto wurde offenbar geschossen. Unterweltgrößen und Politiker sind in die Sache verstrickt, wichtige Schlüsselfiguren plötzlich unauffindbar. Und immer wieder geht es um ein vor Jahrzehnten aus einem Sommerlager verschwundenes Mädchen, einen Fall, der nie aufgeklärt wurde. Auch Winter selbst hat in der Sache damals eine Rolle gespielt. In einer Gewaltorgie am Ende des Romans holt ihn die Geschichte wieder ein. Edwardson nimmt sich viel Zeit, seine verschiedenen Handlungsstränge aufeinander zuzuführen. Das braucht etwas Eingewöhnung für allzu ungeduldige Leser. Unterm Strich aber bekommt man einen hochgradig spannenden Krimi zu lesen, der auch viel Wert auf die individuellen Schicksale der Ermittler legt. Und damit noch zu einem wirklichen Geheimtipp - obwohl: So geheim ist sie gar nicht mehr, die südwestdeutsche Autorin
Uta-Maria Heim. Aber vielleicht braucht sie gerade hier, in Mitteldeutschland, noch ein wenig Rückenwind – und den will ich gern für sie machen.
„Totenkuss“ (Gmeiner 2010) heißt ihr aktueller Roman. Darin geht es zunächst nur um den Ausbruch eines Serienmörders aus dem seit RAF-Tagen berüchtigten Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Aber mit diesem Olaf Hahnke hat es seine eigene Bewandtnis. Denn im Ländle, wie es die Heim ihren Lesern lustvoll vor Augen führt, geschieht nichts, was nicht mit allem anderen um etliche Ecken herum zusammenhinge. Und so befindet man sich nur allzu bald in einem wilden Gemisch aus Vergangenheit und Gegenwart, Altnazis und Neulinken, Kriminalhauptkommissaren, Pädophilen und Toskanafraktionären. Außerdem wirken mit: Karl und Rosa (!), die Kreuzotter Kriemhild, der Kater Kafka, eine Eichendorffballade und ein Rezept für „Kinzigtäler Hollerküchle“ (Unbedingt ausprobieren!). Bei Heim stimmt wirklich jedes Bild. Herrlich, wie sie mit wenigen Sätzen Personen zu charakterisieren vermag, geradezu klassisch-stilllebenhaft kommen gelegentlich die Beschreibungen daher. Aber was red‘ ich hier eigentlich lange - losgehen, besorgen, lesen, staunen! Und am besten gleich noch den Vorgänger, „Wespennest“ (Gmeiner 2009), hinterher.
Tja, so schnell vergeht die Zeit. Und der Bücherstapel auf meinem Schreibtisch wächst und wächst. Also: Lesen Sie schnell, denn bald kommt neuer Stoff. Bis dahin wie immer - Mord und Totschlag!
Ihr Dietmar Jacobsen |