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Lesetipps, vorgestellt von Dietmar Jacobsen
Am 11. Juni beginnt in Südafrika die 19. Fußball-Weltmeisterschaft, die erste überhaupt auf dem Schwarzen Kontinent. 31 Tage lang darf gefiebert, gehofft, gebangt und gejubelt werden: Dann steht Deutschland auf dem Thron. Oder auch nicht – wir werden sehen. Im Vorfeld jedenfalls wurde jede Menge geunkt. Erst hieß es, die Stadien würden nicht fertig. Inzwischen stehen sie da. Dann ging es um die Infrastruktur generell – das scheint man auch einigermaßen in den Griff zu bekommen. Aber die Sicherheit, hört man nun, wer schützt all die Spieler und vor allem die vielen Fans, die nur eines wollen, nämlich ein friedliches Sommermärchen erleben wie vor vier Jahren in Deutschland?
Ist das Land, das eine der höchsten Kriminalitätsraten auf der Welt aufweist, nicht ein viel zu gefährlicher Ort für Sport-events von globaler Bedeutung? Wir haben uns ein paar aktuelle Krimis vorgenommen, um die Situation literarisch zu sondieren. Unser Fazit: Vorsicht, Leute, generell überall wachsam sein und immer auf den Reiseleiter hören! Denn es geht tatsächlich einiges ab am Kap – wie zum Beispiel in den Büchern von
Roger Smith. „Blutiges Erwachen“ (TROPEN 2010) ist der zweite Roman des 39-Jährigen, der mit seinem Debüt, „Kap der Finsternis“, gleich auf den zweiten Platz des Deutschen Krimipreises/International kam. Diesen Rang bestätigt er nun eindrucksvoll. Auch sein neues Buch braucht keinen langen Anlauf, um den Leser in ein furchtbares Inferno zu ziehen. Dabei beginnt es fast harmlos. Einen dubiosen weißen Waffenhändler wollen zwei schwarze Gangster aus den Ghettos Kapstadts um seinen Mercedes 500 SLC erleichtern. Aber der Mann wehrt sich und wird angeschossen. Als die beiden Ganoven schließlich mit dem Auto verschwunden sind, sieht die Gattin des Waffenhändlers ihre Stunde gekommen und gibt dem verhassten Mann mit einem gezielten Schuss den Rest. Aber ihr Plan geht nicht auf. Weder lässt sich das Verbrechen auf die beiden Schwarzen schieben, noch wird sie glücklich mit dem Erbe des skrupellosen Geschäftsmanns. Stattdessen löst ihre Tat eine Welle von Gewalt aus, die immer mehr Menschenleben fordert. „Blutiges Erwachen“ zeigt, dass Südafrika nach der Apartheid nicht automatisch zu einer Enklave von Frieden und Demokratie geworden ist. Smith nimmt seine Leser mit in die Welt jenseits von Surferparadiesen und Safaritouren. Und dort herrscht der blanke Wahnsinn, zählen Menschenleben so gut wie nichts und konditioniert man sich mit Drogen für ein Dasein, das immer mehr der Hölle gleicht. Knallhart, realistisch und nicht unbedingt tourismusfördernd geht es auch zu im ersten Südafrika-Thriller des Franzosen
Caryl Férey. „Zulu“ (Piper 2010) stellt allerdings, anders als „Blutiges Erwachen“, die Polizeiarbeit in den Mittelpunkt. Eine junge Weiße, Tochter eines Rugby-Idols, wurde ermordet. Ali Neuman, ein nach der Apartheid zum Chef der Kapstädter Polizei avancierter Zulu, und zwei seiner Kollegen nehmen die Ermittlungen auf. Bald wissen sie, dass eine neue Droge hinter der Geschichte steckt. Was sie nicht wissen: Der Stoff, der Menschen aggressiv macht, in den Wahnsinn treibt und mit AIDS infiziert, ist nicht deshalb erfunden worden, um an wohlhabende Weiße verkauft zu werden. Stattdessen soll mit seiner Hilfe die Bevölkerungsexplosion in den so genannten Townships gestoppt werden. Hinter dem teuflischen Plan stecken Kräfte, die schon während der Zeit der Rassentrennung aktiv waren. Aufgrund der Politik der Versöhnung wurden sie für ihr verbrecherisches Wirken kaum bestraft, sondern nur in den Untergrund abgedrängt. Und dort arbeiten sie inzwischen im Auftrag internationaler Pharmakonzerne skrupellos weiter. Sich mit ihnen anzulegen, ist mehr als gefährlich. Das müsssen auch die drei Polizisten, die Férey mit je eigenen interessanten Lebensgeschichten ausgestattet hat, schmerzlich erfahren. Am Ende überlebt nur einer von ihnen den Kampf gegen ein organisiertes Verbrechen, das sich die aktuellen Widersprüche in der südafrikanischen Gesellschaft geschickt zunutze macht und von Armut und Verelendung profitiert. Und damit abschließend noch zu
Deon Meyer. Bei ihm handelt es sich um den momentan wohl bekanntesten und meistübersetzten Autor seines Landes.
„Dreizehn Stunden“ (Rütten & Loening 2010) heißt sein aktueller Roman. Es ist die Zeitspanne, die Meyers Serienhelden, Inspector Benny Griessel, verbleibt, um zwei Morde aufzuklären, eine von Gangstern gejagte amerikanische Touristin in Sicherheit zu bringen und sich seinen eigenen Eheproblemen zu stellen. Durch eine raffinierte Verbindung der beiden Verbrechen miteinander, ein straffes, immer wieder die Perspektive wechselndes Erzählen und viel Gespür dafür, wie wichtige Informationen über das Leben im heutigen Südafrika so geschickt wie beiläufig in die Handlung integriert werden können, erweist sich Meyer als wahrer Meister des Genres. Auch sein Protagonist, mit mehr als 25 Dienstjahren auf dem Buckel einer von jenen, die man in der neuen Zeit beargwöhnt und nicht so schnell vorankommen lässt, verbindet in seiner Person und Biografie die alte mit der neuen Zeit. Und Deon Meyer ist sich nur zu bewusst: Wenn es um die ganz großen Profite geht, dann spielen Rassenprobleme dabei kaum mehr eine Rolle.
Soweit meine Tipps. Doch nun: Volle Konzentration! Fähnchen raus. Bier kalt stellen. Dem Laien nebenan vorsichtshalber nochmal die Abseitsregel erklären. Und dann ALLE: 54, 74, 90, 2010, ja so stimmen wir alle ein. Mit dem Heeeeeerz in der Hand und der Leidenschaft im Bein …
Ich melde mich übrigens nach der WM wieder im August mit einem Österreich-Sommer-Special. Bis dahin wie immer – Mord und Totschlag! Und natürlich ein erfolgreiches Turnier am Kap!
Ihr Dietmar Jacobsen |